Virtuos
AUF GEIGEN UND DER ORGEL: DER CHORREGENT
Der Benediktinerpater Pirmin Lindner veröffentlichte anonym 1898 in lateinischer Sprache das Album Stamsense. Darin listete er alle Konventmitglieder von Stams seit dessen Gründung mit prägnanten Kurzbiographien auf.
Für Paluselli nennt er folgende Eigenschaften: Regens chori et Instructor juvenum in musica. In chely, organo et arte componendi versatissimus.
Paluselli war also nicht nur Chorregent und Musikinstruktor der Jugend, sondern vor allem im Spiel der Geige und weiterer Streichinstrumente, der Orgel und im Komponieren höchst bewandert.
(Die Ausführungen, warum in chely das Spiel der Geige und weiterer Streichinstrumente bedeutet, siehe bei Hildegard Herrmann-Schneider, Ein Leben für Gott und die Musik: P. Stefan Paluselli OCist. (1748-1805), in: Der Schlern 79 (2005), im Druck.)
Paluselli hat zumindest während seiner Innsbrucker Zeit Geige studiert. Von den Noten, die er hierzu verwendete, brachte er einige mit nach Stams.
Giovanni Battista Patoni (18. Jh.), Konzert für Violine, Streicher und B.c., A-Dur
Titelblatt und Solovioline, Anfang des 1.Satzes, Kopie um 1765
Besitz- und Gebrauchsvermerk auf Titelblatt links unten:
Ad usum Anton[ii] Paluschellj,
stud[iosus] nec non D[omus] S[ancti] N[icolai] M[usicus]
Stift Stams, Musikarchiv, RISM 5243
Manche Erste Violinstimme unter den heute noch vorhandenen Stamser Musikalien
des 18. Jahrhunderts enthält aufführungspraktische Eintragungen von Palusellis Hand
und somit Indizien, dass er aus dieser Stimme selbst gespielt hat.
Stefan Paluselli, Divertimento für zwei Violinen, Viola und Bass, Quadro, A-Dur, um 1775: Finale. Prestissimo |
Stift Stams hat einst, wie andere Klöster, eine wohl echte Violine des zu seinen Lebzeiten und heute wieder weltberühmten Tiroler Geigenbaumeisters Jakob Stainer (ca. 1617-1683) besessen.
Paluselli könnte sie noch gespielt haben. Dabei wäre auch vorstellbar, dass sie dem neuen Zeitgeschmack des 18. Jahrhunderts entsprechend umgebaut wurde.
Zu den hochrangigen Instrumenten, die Stams zur Zeit Palusellis besaß
und die er selbst erklingen lassen konnte,
gehörte auch ein Streichbass des Innsbrucker Geigenbaumeisters
Johann Georg Psenner d.Ä. (ca. 1680-1762)
aus dem Jahr 1749.
Es war ursprünglich eine Bass-Viola da gamba
und wurde später, vielleicht gegen 1800,
für die modernen aufführungspraktischen Erfordernisse
als Violoncello (mit vier Saiten) adaptiert.
Ein fünfsaitiger Violone (Kontrabass) mit sehr individueller Umrissgestaltung des Mittelbügels und der Schalllöcher, erbaut 1777 vom Augustinereremiten P. Vitalis Haslberger im nahen Kloster Seefeld, hat die Zeit bis heute relativ unbeschadet überdauert.
Er dürfte jedenfalls erklungen sein, wenn Paluselli beim Gottesdienst in der Stiftskirche, in der Heilig-Blut-Kapelle oder bei den vielen festlichen Anlässen im Stift die Musikaufführungen vom ersten Violinpult aus oder Cembalo bzw. von der Orgel aus leitete, ebenso das Paar Kesselpauken, das im Originalzustand des späten 18. Jahrhunderts seit 1941 in der Musiksammlung des Tiroler Landesmuseums verwahrt wird.
Zwischen dem Kloster der Augustinereremiten in Seefeld und Stams bestanden wohl musikalische Beziehungen. P. Vitalis Haslberger OESA war vielleicht selbst Musiker, dazu kunsthandwerklich begabt, so dass er das eine oder andere Instrument selbst herstellen konnte.
Paluselli widmete den Augustinereremiten eine von ihm um 1780 komponierte Messe, angepasst an deren Musizierpraxis für zwei Männerstimmen und Orgel sowie ad libitum Geigen, Hörner, Trompeten und Pauken. In Stams ist leider nur mehr der Umschlag dieser Messe vorhanden.

Kesselpauken aus Stift Stams, Ende 18. Jh., Innsbruck, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Musiksammlung, Inv. Nr. 180; Foto: Helmut Nisters, 2002
Die Chororgel, die heute noch im Chorraum der Stiftsbasilika zu sehen und zu hören ist, hatte 1757 der Orgelbaumeister Andreas Jäger aus Füssen erbaut. Auch wenn sie primär beim Choralgesang (ursprünglich alternatim oder, wie im 18. Jahrhundert nach und nach üblich, akkompagnierend) eingesetzt worden sein dürfte, mag Paluselli zum Klingen gebracht haben.

Andreas Jäger, Chororgel in der Stiftskirche, Stams 1757; Foto: Stift Stams
Severin Schwaighofer (vor 1660-1700), Hofkapellmeister in Innsbruck,
Toccata aus einer Musiksammelhandschrift (um 1700)
im Musikarchiv von Stift Stams (RISM 8410)
CD Chororgel im Stift Stams, ORF Tirol 1995
Time 1:15
Zum fünfhundertjährigen Bestehen des Klosters Stams errichtete 1772/73 der Orgelbauer Johann Feyrstein ( 1779) eine neue Orgel für die Stiftskirche.
![]() |
Johann Feyrstein, Prospekt der Orgel in der Stiftskirche, Stams 1773 Zeichnung im Tagebuch des Abtes Vigilius Kranicher von Kranichsfeld, 30.6.1773 |
Diese Orgel Feyrsteins und ebenso die 1771 durch Franz Greil aus Imst in der Heilig-Blut-Kapelle erbaute Orgel dienten zu Palusellis Entfaltung als Organist.
1791 wurde Paluselli das Amt des Chorregenten und damit die umfassendste musikalische Verpflichtung in Stams übertragen. Er stand mehr als ein Jahrzehnt der Figuralmusik vor, bis ihn aus Krankheitsgründen P. Josef Maria Riedhofer OCist. (1774-1838) am 16. Februar 1805, also elf Tage vor seinem Tod am 27. Februar 1805, ablöste.
Als Chorregent war Paluselli für alle Musikaufführungen im Stift als Leiter und Mitwirkender verantwortlich, außer für den Choralgesang, der unter der Obhut des Kantors stand.
Neben der wechselnden Musik zur Liturgie im Lauf des Kirchenjahrs hatte er die Feste in Stams musikalisch zu gestalten, nach dem Gottesdienst bei der Tafel, zu weiterer Unterhaltung am Abend, oftmals, wenn sich hohe kirchliche und politische Würdenträger von auswärts als Gäste einstellten, wenn der Abt bzw. Prior Geburtstag oder Namenstag hatte, wenn sich die Abtwahl jährte, am Cäcilienfest usw.
Zur üblichen liturgischen Aufführungspraxis mit Messen, Propriengesängen etc. kamen für die musikalische Reverenz und Kurzweil u.a. Sinfonien, Kammermusik, Theaterstücke mit Musik, Kantaten, Chöre.
Durch die ständige Präsenz von Musik im Stift war der Chorregent fortwährend beschäftigt.
Mit Paluselli musizierten Mitbrüder aus dem Konvent, Berufsmusiker, die fallweise von auswärts anreisten und Singknaben (vgl. die Besetzung der beiden Abtkantaten oben für zwei Soprane und Bass bzw. Sopran, Tenor und Bass), die um 1780/90 aus dem hauseigenen Seminar kamen.