September 1771
EIN ZISTERZIENSER FÜR IMMER
Zum fünfzigjährigen Priesterjubiläum 1769 des Stamser Cellerars (Stiftsverwalters) P. Benedikt von Gienger (1694-1770) hat Anton Julian Paluselli die Kantate für Tenor, Bass und Orchester Nun hat des Höchsten Aug' komponiert.
Sie wurde in Stams tatsächlich aufgeführt, denn der Chorregent P. Alois Specker OCist. (1737-1804), im Amt seit 1766, hat die Stimmen dafür kopiert.
Die Vokalbesetzung mit ausschließlich Männerstimmen war für Ausführende im Kloster konzipiert.
Anton Julian Paluselli, Nun hat des Höchsten Aug'/'Musica a Tenore e Basso', 1769
Titelblatt und Partitur, f.36v, Autograph
Am Schluss: O[mnia] A[d] D[ei] G[loriam]/Alles zur Ehre Gottes
und Initialen A[nton] J[ulian] P[aluselli]
Stift Stams, Musikarchiv, RISM 4621
Paluselli hatte also während seines Philosophiestudiums an der Universität Innsbruck (1768-1770) bereits Kontakte zu den Zisterziensern im Oberinntal.
Im September 1770 trat er schließlich selbst in das Kloster Stams ein (s. September 1770: Drei junge Musiktalente kommen nach Stams) und nahm den Ordensnamen Stefan an.
Pfarrer Johann Felix Spreng von Kurtatsch fertigte am 8. 9. 1770 eine Abschrift des Taufbucheintrags von Kurtatsch am 9. 1. 1748 an, ein Dokument, das Paluselli für seine Aufnahme im Stift vorlegen musste.
Am 22. 9. 1771 legte Bruder Stefan Paluselli seine Profess als Zisterzienser von Stams ab und schrieb ihren Wortlaut eigenhändig nieder, nach der für die Zisterzienser maßgeblichen Ordensregel des Heiligen Benedikt (Kapitel 58, 17).
Stefan Paluselli, Pange lingua, A-Dur, 1782:
1. Strophe
Hymnus für zwei Soprane, Bass und Orgel
CD Musik aus Stift Stams XX
(C) & (P) Institut für Tiroler Musikforschung Innsbruck 2005
Time 1:05
Paluselli widmete sich in der Folgezeit dem Theologiestudium,
das er teilweise in Brixen absolvierte.

Brixen mit Hofburg (vorn), Dom (rechts) und Pfarrkirche St. Michael (links), Mitte 18. Jh.; Kupferstich von J. G. Prunner; Abb. in: J. Gelmi, Geschichte der Stadt Brixen, 2000, S. 153
Brixens Fürstbischof Leopold von Spaur (reg. 1747-1778), ein Onkel des Mozart-Gönners Fürstbischof Ignaz von Spaur (reg. in Brixen 1779), war der Musik sehr zugetan.
Kapellmeister der Brixner Hofmusik war von 1755 bis 1779 Judas Thaddäus Mayr, der gleichzeitig das Amt des Brixner Pfarrchorregenten innehatte.
Sein Vorgänger als fürstbischöflicher Hof- und Domkapellmeister war Leopold Strach (1699-1755) gewesen.

Brixen, Dom, 1782, mit dem segnenden Papst Pius VI.; Tafelbild, Ende 18. Jh., Brixen, Diözesanmuseum; Foto: Albert Steger
Leopold Strach, Missa solemnis, C-Dur,
Während Franz Hopfgartner von 1750 bis 1775 Hof- und Domorganist war, wirkte als Organist und Kantor der Pfarrkirche St. Michael Franz Anton Constanz, der Vater des späteren Brixner Organisten Karl Constanz (1747-1817).

Die Brixner Fürstbischöfe Leopold von Spaur und Ignaz von Spaur sowie Josef Philipp von Spaur, Fürstbischof von Seckau, um 1790; Anonym, Öl auf Holz, um 1790, Brixen, Diözesanmuseum; Abb. in: M. Schneider, Mozart in Tirol [...], 1991, S. 15
Die Weihe zum Subdiakon und Diakon hatte Paluselli der Brixner Weihbischof Romedius von Sarnthein gespendet, am 19. 9. 1772 in Brixen, ebenfalls in der Kollegiatskirche zu Unserer Lieben Frau bzw. am 8. 8. 1773 in Innsbruck in der Gräflich Sarnthein'schen Marien- und Aloisiuskapelle.
In der Regel erhielten alle Priester des Stamser Konvents zumindest zeitweise eine Aufgabe außerhalb des Stifts als Seelsorger in einer der von Stams betreuten Pfarreien im Tiroler Oberland oder in Südtirol.
Dem entgegen verweilte Paluselli sein Leben lang immer in Stams, doch erforderte hier seine hauptsächliche Verpflichtung als Beichtvater des Konvents einen nicht minder anspruchsvollen seelsorgerlichen Einsatz.
Seine Mitbrüder bedauerten in der Rotula, dem Nachruf der Klostergemeinschaft auf Paluselli nach seinem Tod (27. 2. 1805), den Verlust des geistlichen Vaters, dem reichlich [...] Unterscheidungsvermögen und Wertschätzung eigen [waren], die der Heilsbotschaft entströmten. Und sie fügten pietätvoll hinzu: Tief schöpfte er für sich Kraft im Lesen der Heiligen Schrift, er war erfüllt von ihr und zeigte einen sicheren Weg himmelwärts.
Diese Worte geben ein klares Bild von Palusellis geistlicher Berufung. Zuvorderst kam dem Stiftsalltag auch sein herausragendes musikalisches Talent zugute, in einer Zeit, in der Relikte barocken Lebensstils und neue Erscheinungen aufklärerischen Gesinnungswandels aufeinander trafen.