Spaur-Messe
Leopold Mozart schrieb am 28. Mai 1778 seinem Sohn Wolfgang Amadé, dass er am 17. Mai 1778 seine Orgelsolo-Messe [C-Dur, KV 259, komponiert im Dezember 1776 (oder 1775?)] aufgeführt, dabei das Kyrie aber aus der Spaur Messe verwendet habe (zitiert nach Senn 1976, S. 225).
Welche der solennen, um 1776 komponierten Messen Mozarts am 17. November 1776 zur Bischofsweihe Ignaz von Spaurs in Salzburg wirklich erklang, unter welcher Messe daher nun die Spaur-Messe zu verstehen ist, war lange Zeit ein Rätsel.
Man hielt mutmaßlich u. a. die Messen in C-Dur KV 257 oder KV 258 dafür, 1976 endlich sah Walter Senn die Missa longa in C-Dur KV 262 hypothetisch als Spaur-Messe an.

W. A. Mozart, Messe in C-Dur, KV 258, Kyrie: Anfang; Entstehungsdatum irrtümlich: December 1776 [richtig: Dezember 1775]; In: W. A. Mozart, Werke 1/2 (o. J., Alte Mozart-Ausgabe), S. 55; MIT 1991: Nr. 51/2

W. A. Mozart, Messe in C-Dur, KV 262, Kyrie: Anfang; Entstehungsdatum 1776 [richtig: Juni/Juli 1775]; In: W. A. Mozart, Werke 1/2 (o. J., Alte Mozart-Ausgabe), S. 119; MIT 1991: Nr. 51/3
Vor nicht allzu langer Zeit gelang es Alan Tyson, neu aufgefundene Mozart-Autographe, die von März 1773 bis zum Jahr 1779 datieren, kritisch systematisch zu überprüfen und auszuwerten (Tyson 1987).
In diese jüngste Serie erstmals bekannt gewordener Mozart-Autographe fiel u.a. das der Missa longa KV 262 in der Biblioteka Jagiellonska zu Kraków. Damit bot sich zum ersten Mal der Schlüssel für eine definitive Identifizierung der Spaur-Messe.
Insbesondere untersuchte Alan Tyson auch die von Mozart kontinuierlich verwendeten Notenpapiere. Im Zuge dessen gelang es Tyson, die Chronologie der Entstehungszeiten der drei genannten Messen definitiv zu rekonstruieren. Mozart muss wie folgt komponiert haben (Tyson 1987, S. 162ff.):
im Juni/Juli 1775 |
die Messe in C-Dur KV 262 (Missa longa) |
im Dezember 1775 |
die Missa in C-Dur KV 258 (Missa brevis) |
im November 1776 |
die Messe in C-Dur KV 257 (bislang Große Credo-Messe) |
Folglich indiziert das Datum der Uraufführung der Spaur-Messe, der 17. November 1776, dass die zweifelsohne im November 1776 komponierte Messe KV 257 die Spaur-Messe sein muss (vgl. Schick 2005, S. 192).
Gänzlich unabhängig von Tysons Theorie, doch komplementär und sie unwiderruflich bestätigend, identifizierte Hildegard Herrmann-Schneider 2007 anhand der Brixner Quelle I-BREd DKA 319 (s. o.) KV 257 als Spaur-Messe (Herrmann-Schneider 2007, S. 4ff.).
Zur Erstausgabe von Mozarts Missa solemnis in C-Dur KV 257 Spaur-Messe nach der von Leopold und W.A. Mozart eigenhändig revidierten Stimmenhandschrift für Graf Ignaz von Spaur im Diözesanarchiv Brixen.