Hilde Koschatzky

Hötting/Innsbruck

Welche sind Ihre 3 liebsten Volkslieder?
1- Bozner Bergsteiger Lied
2- In an kloan Haisele ("s Zeisele)
3- Auf der Höttinger Alm ("s Kasermandl)

Was ist für Sie ein Volkslied?
Ein Volkslied hat einen Text und eine Melodie, die unsere Mentalität ausdrückt gewachsen aus unserer Landschaft, geprägt von unseren Tätigkeiten, unserem Lebenslauf und besonders aus unserem Herzen kommend. Seine Melodien und sein Rhythmus erklingen und schwingen uns auch im Unterbewusstsein vertraut, wohlklingend, heimelig wecken sie Sehnsüchte, Erinnerungen, geben Ratschläge, Aufforderungen oder Trost. So wie die Landschaften und Menschen verschieden sind, unterscheidet sich auch die Musik der verschiedenen Völker. Wir erkennen ein Land, ein Volk an seiner typischen Musik und an seinen Landestrachten.

"Was wir in Gesellschaft singen,
wird von Herz zu Herzen dringen."
Johann Wolfgang von Goethe

Können Sie uns von einem besonderen Erlebnis im Zusammenhang mit Volksliedern berichten?
Auf meinen Reisen gab es so manche Tiroler Liederstunde. So z.B. in Jemen, als wir in Kamelreihen durchs Hadramant zogen. Die Tiere waren darüber nicht sehr erfreut und sehr nervös. In der ersten Kamelgruppe gab"s dauernd Stupsereien um die Rangordnung, in der zweiten Gruppe warf ein Kamel ständig seinen Reiter ab, daher immer wieder Stopp Stress pur und in unserer Gruppe? Wir hatten die vollste Harmonie und warum? Ich bemerkte, dass unsere Kamele aufmerksam die Ohren spitzten, wenn wir ruhige, wohlklingende, harmonische Volkslieder sangen. So zogen wir drei Tage in friedlicher Eintracht mit ihnen übers Land.

Ein anderes Erlebnis: Wie unsere Lieder und Jodler auf einen Touareg in Libyen wirkten. Vor zehn Jahren war"s die Touristen noch eine Seltenheit. Für eine lange Fahrt in den Süden bekamen wir vier einheimische Fahrer mit Toyotas. Unser Auto, mit Museumswert und einem originellen Touareg, kam als letztes angetrudelt. Die Fahrt ging los. Weit war"s, und heiß, und still. Der Fahrer neben mir wurde immer müder, das Auto kurvte selbständiger. Ich versuchte, ihn durch Sprechen wach zu halten. Ohne Erfolg. So begann ich für ihn neu und ungewohnt unsere Volkslieder zu singen. Das gefiel ihm. Einige Zeit hatte ich guten Erfolg, doch mit der Zeit sank sein Kopf immer tiefer. Da halfen nur mehr unsere Jodler und schaurigen Juchezer, dass es ihn hochriss. Circa zwei Stunden dauerte dieser musikalische Kampf, dann erforderte seine Müdigkeit ein Ende: Er schlief ein. Unser Auto fuhr in den Straßengraben und ich konnte ihm nur noch ganz heiser das Wiegenlied Büabl tua nit schlafn vorflüstern. Ein anderer Fahrer beendete dann die Fahrt. Aus dem Gelächter und den Erzählungen der anderen Fahrer am Abend erfuhr ich dann, dass unsere Tiroler Volkslieder erfolgreichen Eindruck in ihrem Gedächtnis hinterließen.

Und sollte jemandem von Euch auf einer Reise durch Libyen der wohl vertraute Klang eines Tiroler Liedls ans Ohr klingen, so ist es kein arabischer Dschim, der Euch verwirren möchte, sondern das Kaserweibl Hilde aus Hötting, die dort gerade wieder glücklich unterwegs ist und es so in die Weite hinaus singt: "Vor alle bösen Geister und üblen Touristen, verschone uns in alle Ewigkeit Amen!!"